Die jüngste Produktion der Oper Leipzig von Pique Dame deutet Tschaikowskys Klassiker von 1890 radikal und verstörend um. Unter der Regie des Schweizer Künstlers Lorenzo Fioroni taucht die Inszenierung tief in Themen wie Sucht, Paranoia und seelischen Zusammenbruch ein.
Statt eines romantischen Kostümdramas findet sich das Publikum in einer modernen Welt verlorener Ideale, Angst und toxischer Beziehungen wieder. Im Mittelpunkt steht Hermann, ein vom Krieg traumatisierter Soldat, der in der Heroinabhängigkeit steckt. Seine Obsession mit dem Geheimnis der Gewinnkarten wird zum Symbol einer Gesellschaft, die Trugbildern hinterherjagt.
Bühnenbild spiegelt inneren Verfall
Ausstatter Sebastian Hannak verwandelt die Opernbühne in einen schlammigen Weinberg. Die Rebstöcke stammen aus einem stillgelegten Weinfeld nahe Saale-Unstrut. Ihre Präsenz sendet eine leise, aber eindringliche Botschaft: Das Wachstum ist zum Stillstand gekommen, übrig bleibt eine gespenstische Landschaft. Diese Trostlosigkeit vertieft das Gefühl des Zerfalls, das die gesamte Aufführung durchzieht. Die Bilder drängen sich nicht in den Vordergrund, sondern treiben die Handlung unaufdringlich in Richtung eines noch tragischeren, ungeschönten Kerns.
Starkes Ensemble, intensive Emotionen
Brenden Gunnell ragt in der Titelrolle des Hermann heraus. Seine Stimme trägt den Schmerz und die Instabilität eines Mannes, der zerbricht. Tuomas Pursio verleiht Graf Tomski kühlen Charme, während Solen Mainguené eine verletzliche, berührende Lisa gestaltet. Eine unerwartete Änderung betrifft die Gräfin: Ulrike Schneider verkörpert sie nicht als geisterhafte Figur aus der Vergangenheit, sondern als jüngere Frau, die sich ihrem Schicksal zu fügen scheint – eine neue emotionale Facette.
Applaus und Protest bei der Premiere
Das Publikum reagierte gespalten: Einige feierten die mutige Regie, andere buhten. Vielen kam der schonungslose Realismus und der Fokus auf russische Gesellschaftsthemen zu nahe. Gerade diese Polarisierung zeigt jedoch die Kraft der Inszenierung – sie scheut die Auseinandersetzung nicht.
Ein kraftvoller Spiegel des heutigen Lebens
Fioronis Pique Dame kratzt den romantischen Lack ab und legt etwas weitaus Zerbrechlicheres, Reales frei. Mit zerbrochenen Liebenden und bitteren Träumen erzählt die Oper von einer tieferen Wahrheit – einer Gesellschaft, die ihren Weg verloren hat und doch weiter tastend im Dunkeln sucht.